Neugierig wie JournalistInnen lernen

Lerninhalte selbst recherchieren und produzieren

SchülerInnen sind neugierig wie JournalistInnen, dann können sie auch so lernen, dachte ich und stellte den Unterricht vor Jahren weitgehend auf diese Arbeitsweise um. Klassische Pressetexte und digitale Medien sind wichtige, aktuelle Wissensquellen und ersetzen dabei meist Arbeitsblätter und Lehrbücher. Lerninhalte recherchieren die SchülerInnen in verschiedenen Quellen zum großen Teil selbstständig mit dem Blick auf Seriosität. Als Wissensnachweis produzieren sie Medien.

Einige Einzelprojekte sind auf diesem Blog schon etwas näher unter Medien machen vorgestellt. Da immer öfter die Frage kommt, wie das Prinzip journalistisch Lernen genau aussieht, sind hier einige Inhalte und Unterrichtsergebnisse für den Fachunterricht und für Wahlpflicht-Kurse vorgestellt, sowie die Frage beantwortet, wann Journalismus als Unterrichtsmethode sinnvoll und erfolgreich ist. 

Im Fachunterricht

In WP-Kursen und Profilklassen

Wann ist das Prinzip Journalismus im Unterricht sinnvoll und erfolgreich?

Im Fachunterricht

Medien nutzen

Mit guter Recherche kommt man weit im Unterricht. Im Fach Gesellschaft zum Beispiel starten wir, bevor wir uns online über das Weltgeschehen erkundigen, mit der Recherche in klassischen Zeitungen und Zeitschriften. Diese haben den Vorteil, dass journalistische Darstellungsformen wie Interview, Bericht, Reportage oder Kommentar und Werbung gut zu unterscheiden sind. Hier kann thematisiert werden, wann warum welche Form eingesetzt wird. Außerdem brauchen die SchülerInnen keine Technik, um mitzumachen. Weitere Offline-Presse-Vorteile sind, dass die LeserInnen nicht abgelenkt werden durch verlockende Links und sie können Texte lesen, die online vielleicht hinter der Paywall und damit nur mit Anmeldung und Abo zu bekommen sind.

Die Printmedien gibt es in der Schulbibliothek oder sie werden von zu Hause mitgebracht. Und wer kein Exemplar hat, bedient sich in unserem kleinen Klassen-Archiv an zeitlosen Themen. Das sind Texte, die die SchülerInnen selbst interessant fanden und darum in die Sammlung kommen. Gelesen werden darf, was interessiert. Egal ob Technik, Politik, Wirtschaft oder Sport. Es geht darum, dass für alle etwas Spannendes dabei ist, damit wirklich jede/r gern liest. Mit diesem journalistischen Grundwissen, suchen sich die SchülerInnen später auch interessante Pressetexte aus digitalen Medien.

Ziel unserer Presse-Recherche ist es, aktuelle Themen zu verstehen. Das wird besonders interessant, wenn wir mehrere Quellen vergleichen können oder die Entwicklung verschiedener Themen über Wochen verfolgen. Nach dem regelmäßigen Lesen von Pressetexten diskutieren wir einige Themen intensiver und finden Zusammenhänge zur eigenen Lebenswelt oder zu historischen Ereignissen. Und fast nebenbei entdecken die SchülerInnen neue Worte, die in unserem Wortschatz-Padlet gesammelt werden, aus welchem wir später neue, kreative Texte schreiben.

Gute journalistische Texte, Audios und Videos eignen sich bestens, um zu lernen, was gute Sprache ausmacht, beispielsweise wann der Konjunktiv zum Einsatz kommt oder warum Texte mit Synonymen und rhetorischen Figuren interessanter zu lesen sind. Um noch gezielter Informationen zu filtern, lernen die SchülerInnen, Recherchetricks von Experten, den JournalistInnen, beispielsweise aus den Schulangeboten des Bayrischen Rundfunks oder den Erklärvideos der Reporter4You-Module.

Ausgestattet mit derlei Recherchekompetenz wird jede Klassenfahrt zur spannenden Recherchereise. Die SchülerInnen stellen neugierige Fragen. Im Anne-Frank-Haus in Amsterdam erfuhren sie so, dass ein Bewohner in unserer Nähe, im KZ Neuengamme, umgekommen ist. Und der Klassiker, wenn man ins Ausland fährt: Die Vorurteile-Umfrage: Was denken verschiedene Nationalitäten über andere. So werden aus Medien-Konsumenten selbstbestimmte Produzenten.

Medien machen

Beim Medien machen kommen die jungen Journalistinnen, vom Hamburger Bürgersender TIDE als Experten ins Spiel. Sie produzierten in einem Projektwochen-Workshop gemeinsam mit den SchülerInnen eine Videosendung. Diese lernten von den jungen Experten, wie man mit Kamera und Mikrofon professionell umgeht. An fünf Tagen fünf JournalistInnen vor der Klasse – ein Traumzustand im Unterrichtsalltag.

Auch als Gastgeber waren die journalistischen Fertigkeiten meiner Klasse von Vorteil. Etwa als es hieß: Wir planen eine Stadtführung für die DeutschlehrerInnen aus Kamerun, die an der Schule hospitierten. Die SchülerInnen mussten sich eingehend über Hamburg und Kamerun und deren gesellschafts-politischen Unterschiede informieren und eine Stadtführung organisieren mit Zeit für Gespräche. Als Medienprodukt entstand ein Artikel für das Jahrbuch. Geschichtsinformationen aus erster Hand bekamen sie in vielen ZeitzeugInnen-Interviews, wie hier mit Eva Szepesi.

Und beim Thema Recht haben die SchülerInnen am Schuljahresende wieder die Gelegenheit, fächerübergreifend, journalistisch zu lernen. Als Gerichtsreporter im Amtsgericht mussten sie vor der Gerichtsverhandlung die Rechtswege recherchieren und herausfinden, welche Berufsgruppen im Gerichtssaal arbeiten. Schließlich sind gute Reporter richtig vorbereitet, um schlaue Fragen stellen zu können. Für ihre Gerichtsreportage hören sie ganz genau hin, schreiben oder zeichnen alles mit. Während der Verhandlung erleben sie nebenbei den Konjunktiv im aktiven Sprachgebrauch des Richters. Danach wird der Richter zum Interviewpartner für das Thema. In diesem Experteninterview bekommen die SchülerInnen Informationen aus erster Quelle, ungefiltert. Sie können ihre eigenen Fragen stellen und die Antworten kritisch hinterfragen.

Dass meine SchülerInnen gute Medienmacher sind, zahlte sich auch beim vorweihnachtlichen Klausur-Stau aus. Mit der Methode Design Thinking fanden wir die Lösung, dass jeder auf seine Weise zeigen kann, wie die Deutsch-Lektüre gelesen und verstanden wird. Vorgabe: Alle Kriterien, die in einer Klausur abgefragt werden, müssen in einem Audio- oder Videoformat und im anschließenden Gespräch bewertbar präsentiert werden. Die Ergebnisse waren sehr überzeugend. Fehler wurden als Anlass zum Weiterdenken verwendet. Manche waren so komisch, dass alle gemeinsam darüber lachen konnten, was bei der Rückgabe von Klassenarbeiten eher unangebracht ist. Und für mich fiel ein Klassensatz schriftlicher Korrekturen weg, ein guter Beitrag zur Lehrergesundheit.

Und noch ein Vorteil, wenn SchülerInnen selbstständig und neugierig wie JournalistInnen lernen: Sie machen es gern. Man muss als Lehrkraft nicht vor Ort sein. Es verschaffte mir Zeit für ein persönliches Projekt im Ausland. Denn die Klassen hatte den Auftrag nach Arbeitsplan fünf Wochen lang selbstständig zu lernen. Die Ergebnisse wurden online auf dem Schulserver gespeichert und während der wöchentlichen Videokonferenz in Gruppen besprochen. In dieser freien Lernzeit machten sich einige SchülerInnen auf den Weg ins Helmholtz-Zentrum Geesthacht, um für ihren Klima-Audioclip einen Wissenschaftler zu interviewen.

In WP-Kursen und Profilklassen

In Wahlpflicht (WP)-Kursen und Profilklassen haben wir noch mehr Zeit für das journalistische Lernen. Hier steht das Medienmachen im Vordergrund. Veröffentlicht werden darf am Ende aber nur, wenn die AutorInnen damit einverstanden sind und die Presseregeln, der Datenschutz- und das Urheberrecht eingehalten wurden.

WP Webreporter, Klassenstufe: 7, 1,5 Stunden wöchentlich

Wir starten mit dem Kreieren eines gemeinsamen Logos und unseres SchülerInnen-Presseausweises, einem Beitrag zur Corporate Identity, denn derlei ausgestattet, sind sie stolze Reporter. Die Medien-Experten von TIDE kommen für einen Radio-Workshop allerdings erst ins Spiel, wenn die Webreporter ihre ersten Erfahrungen gemacht haben. Beispielsweise in Interviews, in denen sie den Umgang mit verschiedenen, noch unbekannten Menschen lernen wie den Autoren, die zur jährlichen Nikolauslesung an die Schule kommen. In diesem Kurs können die SchülerInnen Themen erkunden, die ihnen wichtig sind. Nach der Redaktionskonferenz geht es raus an die Arbeit für die Berichte, Reportagen oder Fotostrecken für die Schul-Homepage oder das Jahrbuch.

Die jungen ReporterInnen erhalten ihre Infos oft direkt bei Experten vor Ort. Das sind Quellen, an die nicht jeder so einfach kommt. Bei einer Autorenlesung in der Schule entstand beispielsweise ein Interview mit dem Jugendbuchautor Klaus Kordon, welches auf der Schul-Homepage veröffentlicht wurde und später sogar in einem Schulbuch als Text für eine Deutsch-Prüfungsvorbereitung veröffentlicht wurde. Gelernt haben die SchülerInnen dabei unter anderem, dass auch schon SchülerInnen Text-Honorare bekommen können und was die VG Wort ist.

Profilklasse CreaTiVi, Klassenstufe 8-10, 4 Stunden wöchentlich

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Gestartet wird wieder mit Logo und Presseausweis. Der Unterschied zu den Webreportern ist, dass dies eine Profilklasse ist. Das heißt, dass sie in fast allen anderen Fächern auch in dieser Zusammensetzung unterrichtet werden.

Hier dient der TIDE Video-Workshop als Einstieg und, um alle SchülerInnen auf den gleichen Stand in Sachen  journalistischen Darstellungsformen und technische Umsetzung zu bringen. Manch ehemaliger Webreporter aus Jahrgang sieben macht in der Profilklasse CreaTiVi in Jahrgang acht weiter. Die SchülerInnen sind älter. Die Themen werden größer. Wie etwa der Offline-Tag, ein Selbstversuch oder politische Themen wie eine Rathaus-Pressekonferenz zum Auftakt eines Klimawettbewerbes, barrierefreie Schule, Inklusionsdemo, Parteien-Interviews vor den Wahlen.

Dass man auch demokratisch lernen kann, erfahren sie in den Redaktionskonferenzen. Hier sind sie selbst Chef vom Dienst, Protokollschreiber oder Wadenbeißer (Regelbeobachter), damit die Gesprächsregeln eingehalten werden. Dieses wöchentliche Format ist Voraussetzung, wenn ganze Sendungen entstehen sollen für den Jahrgang, zu Weihnachten oder fürs Schulfest.IMG_20200710_175300

Hier übernehmen sie als TexterInnen, ProduzentInnen, Kameramänner/ und -Frauen, ModeratorInnen, TechnikerInnen Verantwortung, wie beispielsweise vor einer Weihnachtssendung, bei der die Deadline sehr nahe war und einige Gruppen ganz selbstverständlich Überstunden gemacht haben, bis alles fertig war.

Was will man mehr. Die SchülerInnen haben gezeigt, dass sie eine Sache eigenverantwortlich durch- und zuende führen können mit Durchhaltevermögen und gegenseitiger Hilfe. Technikprobleme wurden gemeinsam gelöst. Am Ende waren sie sehr stolz auf ihr Leistung, der Applaus nach der Aufführung war ihrer.

Das journalistische Lernen dient auch der Berufsorientierung. Wenn die SchülerInnen z.B. bei einer Studioführung beim NDR auf JournalistInnen, MaskenbildnerInnen oder  ModeratorInnen treffen oder live bei einer Talkshow dabei sind, können sie den Medienmachern beim Arbeiten über die Schulter schauen und Fragen stellen.

Und die CreaTiVis werden selbst zu Experten, wenn sie ihr Medienwissen an jüngere SchülerInnen weitergeben, indem sie ihnen PC-Programme oder Handyfunktionen erklären oder mit ihnen über Netikette im Netz sprechen.

Oberstufen-Kurs Irgendwas mit Medien, 1,5 Stunden pro Woche

Auch diesen Kurs wählen die SchülerInnen frei aus, weil sie wissen wollen, wie man Medien macht, wie man clever recherchiert, was man beim Nutzen und Produzieren von Medien darf und was nicht. Einer ihrer Texte wurde sogar in der „richtigen“ Presse veröffentlicht, in einem Elektronik-Magazin. Viele von ihnen können ihr Wissen auf eigene Social-Media-Kanäle anwenden. Wie beispielsweise das Wissen über Falschinformationen. Entstanden sind dabei vorbereitend zum Abithema Mediendemokratie diese Medien-Lern-Ergebnisse. Die Krönung dessen, was SchülerInnen lernen können, wenn sie wie JournalistInnen arbeiten, war das Jahrbuch, welches sie in Eigenregie produzierten. Ich wurde nur ab und zu in ihre Konferenzen eingeladen, nett daran erinnert, die Texte zu redigieren und Fotos weiterzuschicken. Ansonsten haben sie die Inhalte für das Heft fast allein erstellt. Und sie haben beim Verknüpfen von Inhalten in Form von Texten, Fotos undVideos (als QR-Code) gezeigt, dass sie ihr Medien-Wissen kombinieren und in eigenen Projekten erfolgreich anwenden können.

Ausgestattet mit derlei Informations- und Medienkompetenz werden Jugendliche zu kritisch denkenden MediennutzerInnen und -macherInnen, welche die digitalen Spielregeln kennen und anwenden können. Sie kommunizieren, kooperieren, produzieren und präsentieren. Sie können mit Medien umgehen und selbst Probleme lösen. Sie reflektieren ihr Handeln. Das macht sie zu mündigen Jugendlichen, die aktiv am digitalen Leben teilhaben können. Und das Wichtigste: Sie haben Spaß und lernen für ihr Leben.

Wann ist das Prinzip Journalismus im Unterricht sinnvoll und erfolgreich?

Diese Methode ist nicht nur eine gute Möglichkeit, die Neugierde der SchülerInnen wachzuhalten und das Lernen zu vermitteln, regelmäßig angewendet stärkt es auch die Medienkompetenz. Um dies nachhaltig und erfolgreich im Unterricht zu etablieren, hilft es fächerübergreifend, das heißt, statt in Fächern, in Themen zu denken.  Es braucht ein flexibles Konzept, das in verschiedenen Lerngruppen funktioniert. Neugierige Lernende und der Lehrkraft-Wille allein reichen nicht aus. Und es braucht die Unterstützung durch Experten. Dazu gehört in allererster Linie das Angebot von JournalistInnen, in den Unterricht zu kommen on- oder offline. Für den Anschub des journalistischen Lernens im Unterricht hole ich mir seit Jahren regelmäßig Anregungen durch das Unterrichtsmaterial verschiedener Medien, wie der ZEIT . Aber viel wichtiger ist der praktische Teil, die Unterstützung durch JournalistInnen für Workshops wie den hier beschriebenen von TIDE oder das One-Shot-Video-Projekt von reporter4you . Dabei haben über 100 SchülerInnen und ihre Lehrkräfte an einem Tag gelernt, wie es geht.