Digitaler Ortswechsel – lernen und lehren, wo man möchte

Im Winter mit dem Laptop entspannt in der Sommersonne sitzen – als Lehrkraft in der Schulzeit in Deutschland fast unvorstellbar. Wir hatten das Glück.  Meine Tochter (7. Klasse) und ich saßen eines Februars bei 20 Grad in der Sonne Mountain Views im Silicon Valley am Laptop. Denn unsere Schulleitung hatte uns für einige Wochen freigestellt, um meinen Mann zeitweise bei seinem Start-up-Job für Smarthome-Entwicklungen zu besuchen.  „Wenn du den Unterricht vorbereitest, warum nicht“.

And it worked. Meine 9. Profilklasse arbeitete, versorgt mit Aufgaben und Material auf Iserv und aufgeteilt in wöchentliche Chefgruppen. Die VertretungskollegInnen freuten sich, denn sie hatten kaum Arbeit. Es erreichten mich Texte, Fotos, Audios und Videos als digitale Zeugen produktiver Arbeitsatmosphäre. Die Ergebnisse schaute ich mir online über den Schulserver an.

Freitags skypten die Gruppen mit mir, um die wichtigsten Neuigkeiten der Woche auszutauschen. Sie 19 Uhr zu Hause, ich 10 Uhr am Pool.

Aber die anderen Klassen hatten sehr akzeptable Ergebnisse ohne mein Beisein erarbeitet, das war wichtig, denn schließlich standen die Abschlussprüfungen an.

Eigentlich sollte meine Tochter vor Ort in Mountain View zur Schule gehen, aber einige tausend Dollar für ein paar Wochen Unterricht waren uns dann doch zu happig. Und so blieb es beim selbstständigen digitalen on- und offline-Lernen: die auszufüllenden Arbeitsblätter wurden vom Schulserver ausgedruckt, um sie später in der Schule in einer Mappe abzugeben.
Das dazu nötige Wissen gab es im Internet, Englisch in der Praxis bei den unzähligen Begegnungen auf der Straße, im Kino, der Bahn oder im Supermarkt und den Ausflügen. Radtouren führten uns beispielsweise über die Golden Gate Bridge, durch „Google-City“ mit seinen bunten „Spielplätzen“ und Diensträdern, vorbei an Facebook, Twitter und Microsoft.

Im Yosemite Park haben wir über riesige Mammutbäume gestaunt, im Silicon Valley über mehrere tausend Doller Monatsmiete für ein kleines Appartement und in Palo Alto über den fahrenden Werbe-Monitor, der uns auf dem Fußweg verfolgte und schließlich ins Geschäft lockte, um neueste Produkte vorzustellen. Betrieben von einem Studenten, der irgendwo in der Welt vor seinem Laptop saß.

PS: Meine Tochter debattiert mittlerweise erfolgreich. Manchmal braucht es einfach nur den nötigen Auslöser. Und mir hat dieser digitale, unbezahlte aber nicht ganz  arbeitsfreie Ortswechsel nebenbei einen Einblick in ein Start-up gegeben. Und Kalifornien ist auch sonst nicht der schlechteste Ort für ein Betriebspraktikum. Diese Erfahrungen sollten alle Lehrkräfte im Zeitalter der Digitalisierung machen dürfen.

 

 

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